Anfang März war es wieder Zeit für eine Rüstzeit nach London. Rüstzeiten sind Seminare für Zivis. Jeder Zivi der Interesse hat (und auch weiß, dass es dieses Angebot gibt) kann sich aus einem bunten Programm eine Rüstzeit aussuchen und sich für diese anmelden. Die Rüstzeit “London von unten – sozialen Arbeit der City-Kirche” habe ich nun das achte Mal veranstalten dürfen.
Eigentlich hatte ich vor, dieses Mal wegen des bevorstehenden Examens nicht mitzufahren. Aber dann bin ich doch kurzfristig eingesprungen und habe noch einmal an dieser Rüstzeit teilgenommen.
Wie bereits viele Male zuvor haben wir uns um Mitternacht am Kölner Hauptbahnhof getroffen, in der Nacht von Samstag auf Sonntag. Nach dem alle Zivis den Weg zum Treffpunkt gefunden hatten und die Koffer verladen waren ging es dann mit dem Bus und dem mir bereits bekannten und geschätzten Busfahrer Willi los Richtung London.
Nach einem kurzem Tank- und Verpflegungsstopp in Belgien erreichten wir morgens den Hafen von Calais. Glücklicherweise verlief die Passkontrolle durch die Briten problemlos – das gab es auch schon anders – und wir konnten auf der Fähre einchecken. Da die Nacht bereits fortgeschritten war und die Sonne sich am Horizont ankündigte war nicht mehr jeder Teilnehmer ganz fit. Also schnell den Zivis einen Kaffee spendiert, damit der Kreislauf wieder auftouren kommt. Schließlich soll ja auch was im Kopf hängen bleiben von dem gewohnten Vorstellungsspiel, der ersten Programmbesprechung und natürlich auch den Regeln für die Woche.
Die restliche Überfahrt blieb Freizeit, also die Gelegenheit sich auf das Oberdeck in den Wind zu stellen und sich die weißen Kreidefelsen vom Dover im Sonnenaufgang anzusehen. Und eben diese Felsen ging es dann anschließend mit dem Bus hinauf. Vorbei an Canterbury, den Gleisen des Eurostars folgend Richtung London. Am einem Sonntagmorgen geht dies recht flott und so kamen wir nach nur zwei Stunden Fahrt gegen zehn Uhr in der Londoner City unweit des Towers an.
Gleich der erste Programmpunkt entwickelte sich unerwartet zum Highlight! Gemeinsam fuhren wir mit den Docklands nach Greenwich um vom Hügel aus einen ersten Blick über die Stadt zu genießen. Das Wetter war perfekt. Eiskalt aber sonnig mit einer tollen Fernsicht! Und während ich den Zivis mit diesem Panorama im Hintergrund etwas über die neuere Geschichte der Stadt und soziale Probleme erklärte ertönte hinter mir eine Stimme: “Ja ja, Sie sprechen Deutsch! Sie wundern sich bestimmt. Die Engländer sprechen kein Deutsch. Hören Sie! Sprechen sie wohl. In der Wirtschaft trinkt man einen Schnaps. Prost. Und man lässt auf den Deckel anschreiben. Denn der Schluckspecht hat kein Geld. Meine Herren…” Ein 78-jähriger Brite, sechs Jahre Deutschunterricht in der Schule, nicht mit der Rheinarmee in Deutschland sondern in Malaysia gewesen, entzückte uns mit seinem typisch britischen Lächeln und vielen Anekdoten und sprachlichen Eigenheiten über unser Heimtland die wohl die wenigsten von uns hätten erzählen können.
Den folgenden Dialog mag ich nun nicht im Einzelnen wiedergeben. Aber wir erfuhren sämtliche Zughalte von Bielefeld bis in die Grafschaft Bentheim bzw. bis nach Venlo. Und dies erschreckender Weise auch noch in der richtigen Reihenfolge. Beitritt des Saarlandes zur Bundesrepublik, die Wiedervereinigung, Aufzählung alles Freistaaten und so manches mehr.
Nachdem wir den Briten mit seinen netten aber doch sehr ausführlichen Geschichten (und vorallem mit vielen Querverbindungen die zu neuen Themen führten) losgeworden waren und ich meinen Vortrag beendet hatte, gingen wir den Hügel hinab. Der Weg führte uns zum Greenwich foot tunnel, einem Fußgänger-Tunnel unter der Themse der auf seinen 110. Geburtstag zusteuert. Im Tunnel frozelten wir noch, dass wir aufpassen müssten, damit wir den Herren auf seinem sonntäglichen Spaziergang nicht noch einmal überholen würden. Aber unsere Sorge erwies sich als völlig unbegründet. Wir erreichten sicher die andere Tunnelseite, warteten auf dem schönen, holzgetäfelten Aufzug und wurden beim Öffnen der Türen von einem herzlichen “Meine Freunde aus Deutschland” begrüßt. Glücklicherweise zeigt sich der Aufzugführer weniger geduldig und so schlossen sich bereits nach wenigen Sätzen die Türen hinter uns! Aber für das erste gemeinsame Gesprächthema war gesorgt.
Der Rest der Rüstzeit verlief dann eher im gewohnten Rahmen ohne spontane Einlagen. Wir hatten eine eher touristische Stadtrundfahrt mit einer örtlichen Fremdenführerin, einen Vortrag in der britischen Amnesty International Sektion über deren Arbeit, haben zwei Kirchen im Londoner Norden besucht wie auch die Ausstellung “Crime Against Humanity” im Imperial War Museum. Auch die ärmeren Seiten von London haben wir uns angesehen, sowohl im Norden als auch im tiefsten Osten, weit hinter den Docklands. Dort haben wir ein Haus besucht, in dem eine Gruppe Franziskaner Mönche ein Nachbarschaftshilfe-Projekt betreibt und gestrandeten Menschen hilft, wieder den Weg zurück in ein geordnetes Leben zu finden.
In der freien Zeit habe ich es dieses Mal endlich auf den Highgate Cemetary geschafft. Ein über 100 Jahre alter Friedhof im Londoner Norden. Dieser wurde über Jahrzehnte nicht gepflegt. Dementsprechend verwuchert ist er, die Grabsteine sind gezeichnet von der Zeit und viele stehen auch nicht mehr oder nicht mehr ganz aufrecht.Heute übernimmt es ein Verein, die Wege weitesgehend begehbar zu halten und Gefahren, zum Beispiel durch Monumente die umzustürzen drohen, abzusichern. Und 3 Pfund Eintritt dafür ist es auch durchaus wert.
Auf jeden Fall eine tolle Atmosphäre! Zuerst war es noch bewölkt und etwas düster, am Ende schien aber die Sonne und gab ein wunderbares Licht. Der berühmteste “Gast” – wie der Mitarbeiter am Eingang sagte – auf dem Friedhof ist Karl Marx. Aber die anderen Gräber haben doch einen viel größeren Reiz und machen einem Besuch auf diesem Friedhof wirklich lohnenswert!
Und ich war endlich einmal in London laufen, die Strecke verlief am Regent’s Canal entlang und durch den Regent’s Park. Auch dies hatte ich mir schon länger einmal vorgenommen – aber bei all dem Programm das man in dieser Stadt so hat nie geschafft. Aber trotz des Bieres vom Vorabend bin ich mich morgens um halb sieben aus dem Bett gekrabbelt und habe mich fleißig auf den Weg gemacht.
Und von wegen britische Höflichkeit. Der Straßenkehrer hat mich gegrüßt. Aber ein Londoner Jogger schaut lieber ganz weg bevor er einen anderen grüßen muss! Das ist bei uns zu Hause dann doch schöner!
Ansonsten war es schön Tim wiederzusehen, einen Freund der in London promoviert, und ihn zu meinem im Herbst neuentdeckten Lieblings-Libanesen zu schleppen und hinterher einen gemeinsamen Abend mit bunten Gesprächen und schillernden Drinks zu haben! Wir wollen hier auch niemanden spezielles dabei Ansehen…
Insgesamt war es also wieder eine gelungene Fahrt mit einer tollen Gruppe.Und: wie gewohnt hat mich das Wetter nicht enttäuscht und ich konnte mich an einer trockenen Woche mit viel Sonne erfreuen!
Aber nach den ganzen Reisen der letzten Zeit war ich doch auch wieder froh nach Hause zukommen.



























